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Automobilgeschichte

Strumpfband statt Werkstatt: Wie Bertha Benz 1888 die erste Autopanne der Geschichte meisterte

Lange bevor es Werkstätten, Tankstellen oder einen ADAC gab, musste eine Frau ihr Fahrzeug mitten auf der Landstraße eigenhändig reparieren. Die Geschichte der ersten Fernfahrt mit dem Automobil ist auch die Geschichte der ersten dokumentierten Autopanne.

Veröffentlicht: 5. August 2026Lesezeit: ca. 3 Min.Wiesloch
Historische Nachstellung einer Frau in Kleidung des 19. Jahrhunderts neben einem frühen dreirädrigen Automobil auf einer Landstraße, zwei Jungen stehen daneben
Kurz gesagt

Im August 1888 unternahm Bertha Benz mit ihren Söhnen die erste Fernfahrt der Automobilgeschichte von Mannheim nach Pforzheim – ohne Wissen ihres Mannes Carl Benz. Unterwegs löste sie mehrere technische Probleme improvisiert: Sie isolierte ein blankes Zündkabel mit ihrem Strumpfband und reinigte eine verstopfte Benzinleitung mit einer Hutnadel. Diese Reparaturen gelten als die erste dokumentierte Autopanne samt Selbsthilfe der Geschichte.

Die erste Fernfahrt der Automobilgeschichte

An einem Augusttag im Jahr 1888 bestieg Bertha Benz gemeinsam mit ihren Söhnen Eugen (15) und Richard (13) den Benz Patent-Motorwagen Nr. 3 und fuhr von Mannheim die rund 104 Kilometer nach Pforzheim – ohne das Wissen ihres Mannes Carl Benz. Es war die erste dokumentierte Fernfahrt mit einem Automobil überhaupt, lange bevor es Straßenkarten für Autofahrer, Tankstellen oder Werkstätten gab.

Die Route führte durch zahlreiche kleine Orte der Kurpfalz und des Kraichgaus: Ladenburg, Schriesheim, Heidelberg, Leimen, Wiesloch, Bruchsal, Bretten und viele weitere Dörfer, bevor der Wagen schließlich Pforzheim erreichte. Diese Strecke ist heute als „Bertha Benz Memorial Route" ausgewiesen – eine deutsche Ferienstraße und seit 2009 Teil des europäischen Industriekulturerbes.

Die erste Tankstelle der Welt – in einer Apotheke

Schon kurz nach dem Start ging unterwegs der Kraftstoff zur Neige. In Wiesloch kaufte Bertha Benz in der dortigen Stadt-Apotheke mehrere Liter Ligroin – ein Lösungsmittel, das damals ausschließlich als Reinigungsmittel verkauft wurde, sich aber als Kraftstoff eignete. Weil es keine Tankstellen gab, musste improvisiert werden. Die Apotheke in Wiesloch gilt deshalb bis heute als „erste Tankstelle der Welt", eine Gedenktafel erinnert an das Ereignis.

Strumpfband und Hutnadel: Die erste dokumentierte Autopanne

Die eigentliche Panne ließ nicht lange auf sich warten. Unterwegs scheuerte sich die Isolierung eines Zündkabels durch – ein blanker Draht drohte einen Kurzschluss zu verursachen. Ohne Werkzeug, ohne Ersatzteil und ohne jede Möglichkeit, Hilfe zu rufen, zog Bertha Benz kurzerhand ihr Strumpfband aus und wickelte es als improvisierte Isolierung um den Draht. Der Motor lief wieder.

Wenig später verstopfte die Benzinleitung. Auch hier fand sich eine pragmatische Lösung: Mit einer Hutnadel reinigte Bertha Benz die Leitung eigenhändig. Zwei Reparaturen, komplett ohne Spezialwerkzeug, mitten auf einer badischen Landstraße – ein Vorgang, der sich in seiner Grundstruktur bis heute bei jeder Autopanne wiederholt: ein technischer Defekt, Improvisation mit dem, was zur Hand ist, und notfalls die Suche nach lokaler Hilfe.

Lokales Handwerk als Vorläufer der Pannenhilfe

Auch die Grenzen der reinen Selbsthilfe zeigten sich auf der Fahrt. Als die Antriebskette sich längte und über die Zahnräder sprang, half ein Dorfschmied in der Region um Bruchsal beim Kürzen und Reparieren der Kette – in zeitgenössischen Darstellungen gelegentlich als „erste Autowerkstatt der Welt" bezeichnet. Als sich zudem die hölzernen Bremsklötze an den steilen Gefällen zwischen Bretten und Pforzheim abnutzten, verstärkte ein Schuhmacher sie mit Lederstücken – eine frühe Vorform moderner Bremsbeläge.

Diese Episoden zeigen: Schon 1888 war klar, dass nicht jede Panne allein lösbar ist. Wo die eigene Improvisation an ihre Grenzen stößt, braucht es jemanden vor Ort, der weiterhilft – ob Dorfschmied im 19. Jahrhundert oder Pannenhelfer heute.

Warum diese Fahrt als Urszene der Pannenhilfe gilt

Die Fahrt von Bertha Benz vereint alle Elemente, die eine Autopanne bis heute ausmachen: einen unerwarteten technischen Defekt unterwegs, Improvisation mit Bordmitteln und schließlich die Zuhilfenahme von Fachwissen vor Ort, wenn die eigene Reparatur nicht ausreicht. Dass eine Frau 1888 – ohne Fahrerlaubnis, ohne Werkstattnetz, ohne jede Infrastruktur – diese Fahrt dennoch zu Ende brachte, macht sie zu einer der ersten dokumentierten Pannenhelferinnen der Geschichte, lange bevor der Begriff überhaupt existierte.

Wer heute mit einer leeren Batterie liegenbleibt, hat es leichter: Statt Strumpfband und Hutnadel hilft unsere Anleitung zur Starthilfe, oder Sie fragen direkt Hilfe in Ihrer Nähe an.

Quellen

Deutsches Patent- und Markenamt (DPMA), Veröffentlichung „Bertha Benz" (patentefrauen-Reihe); Wikipedia-Artikel „Bertha Benz Memorial Route"; offizielle Website der Bertha Benz Memorial Route (bertha-benz.de) mit vollständiger Streckenliste; Staatsanzeiger Baden-Württemberg, „Mit Strumpfband an den Zündkerzen"; amusingplanet.com, Reportage zur historischen Fahrt.

Häufige Fragen

Wo kaufte Bertha Benz unterwegs Kraftstoff, und warum gilt der Ort als „erste Tankstelle der Welt"?

In der Stadt-Apotheke im badischen Wiesloch kaufte Bertha Benz mehrere Liter Ligroin, ein damals als Reinigungsmittel verkauftes Lösungsmittel, das als Kraftstoff diente. Weil es zu dieser Zeit noch keine Tankstellen gab, gilt die Apotheke in Wiesloch heute als „erste Tankstelle der Welt", eine Gedenktafel erinnert dort an das Ereignis.

Hatte Bertha Benz überhaupt eine Fahrerlaubnis für diese Fahrt?

Nein. Carl Benz hatte erst wenige Tage zuvor, am 1. August 1888, die weltweit erste Fahrerlaubnis erhalten, und diese galt zudem nur für das Gebiet um Mannheim. Die Fahrt nach Pforzheim fand also ohne gültige Erlaubnis und ohne Wissen ihres Mannes statt.

Welche technische Neuerung geht direkt auf die Erfahrungen dieser Fahrt zurück?

Wegen der steilen Steigungen entlang der Route zwischen Pforzheim und Bretten regte Bertha Benz die Einführung eines dritten Gangs an, den Carl Benz daraufhin am Fahrzeug umsetzte – eine direkte technische Verbesserung als Folge einer Panne unterwegs.

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