Am 15. Dezember 1924 nahm ein Polizeibeamter am Potsdamer Platz in Berlin die erste Verkehrsampel Deutschlands offiziell in Betrieb. Der 8,5 Meter hohe, fünfseitige Verkehrsturm wog 5,5 Tonnen und wurde von einem Polizisten in einer Kanzel per Dreistufen-Hebelschalter und Stoppuhr bedient. Vorher regelten Polizisten den täglich bis zu 24.000 Fahrzeuge zählenden Verkehr am verkehrsreichsten Platz Europas allein mit Hupsignal, Armzeichen und Trillerpfeife.
Der verkehrsreichste Platz Europas
1924 war der Potsdamer Platz in Berlin der verkehrsreichste Platz Europas: Täglich trafen sich dort rund 20.000 bis 24.000 Fahrzeuge, darunter etwa 7.500 Kraftwagen, 8.000 Fahrräder, 3.400 Pferdefuhrwerke und 1.000 Handwagen, dazu 26 Straßenbahnlinien und 5 Buslinien. Hinzu kamen rund 83.000 Bahnreisende täglich am Potsdamer Bahnhof. Bis dahin regelten seit 1906 Polizisten den Verkehr allein mit Hupsignal, Armzeichen und Trillerpfeife – mit hohem Personalbedarf und der ständigen Gefahr, selbst überfahren zu werden.
Ein Turm als Lösung
Die Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH stellte am 25. August 1924 den Bauantrag für eine neuartige Lösung nach amerikanischem Vorbild: einen Verkehrsturm mit Lichtsignalanlage. Entworfen vom Architekten Jean Krämer, gebaut vom Eisenkonstruktions- und Kunstschmiede-Werk Eduard Puls, mit elektrischer und signaltechnischer Ausstattung von Siemens & Halske, entstand ein 8,50 Meter hoher, fünfseitiger Turm – fünf Seiten für die fünf am Platz einmündenden Straßen. Mit einem Durchmesser von 2,5 Metern und einem Gewicht von 5,5 Tonnen wurde die Stahlkonstruktion in der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1924 errichtet, wofür der Platz komplett gesperrt werden musste.
Jede Seite des Turms zeigte drei horizontal angeordnete Lichtsignale in Grün, Gelb (anfangs noch Weiß statt Gelb) und Rot – der Farbcode war von der Eisenbahn übernommen. Bedient wurde die Anlage von einem Polizeibeamten in einer Kanzel im oberen Teil des Turms, mittels eines Dreistufen-Hebelschalters und einer Stoppuhr. Die Kabine war zusätzlich mit Normaluhr, Sprachrohr, einer Fernsprechverbindung zu Polizeipräsidium und Feuerwehr sowie Feuerlöscher und Heizung ausgestattet.
Acht Wochen Verzögerung durch die Baupolizei
Obwohl die Stahlkonstruktion bereits im Oktober 1924 stand, dauerte es noch bis zum 15. Dezember 1924, bis die Anlage tatsächlich in Betrieb ging. Die eingereichte statische Berechnung war von der Baupolizei zunächst nicht akzeptiert worden und musste nachgebessert werden – erst nach einem entsprechenden Nachtrag vom 8. Dezember 1924 erfolgte die technische Abnahme. Am 15. Dezember bestieg schließlich ein 39-jähriger Polizeibeamter namens Friedrich Lange die Leiter zur Turmkanzel und nahm die Anlage offiziell in Betrieb – ein Moment, der durch ein Foto von Robert Sennecke in der Vossischen Zeitung dokumentiert wurde.
Ein kurzes Leben, eine lange Wirkung
Der Originalturm stand nur bis zum 1./2. Oktober 1937, als er im Zuge des Baus des unterirdischen S-Bahnhofs Potsdamer Platz abgebaut und durch eine Hängeampel ersetzt wurde – das Prinzip hängender Lichtzeichenanlagen setzte sich ab Ende der 1920er Jahre in ganz Berlin durch. Seit 1997/2000 steht eine originalgetreue Nachbildung, gestiftet von Siemens und Daimler-Benz, nahe dem historischen Standort.
Aus der einen Pilotanlage von 1924 sind heute laut Berliner Senatsverwaltung über 2.000 Ampelanlagen in der Stadt geworden – vollautomatisch und teils verkehrsadaptiv vernetzt, statt von einem einzelnen Polizisten per Hebel und Stoppuhr bedient. Auch die erste „Grüne Welle" Deutschlands, der Vorläufer heutiger koordinierter Ampelschaltungen, wurde später am Potsdamer Platz eingeführt.
Von der ersten Ampel zur modernen Pannenhilfe
Mit der zunehmenden Motorisierung Berlins – 1924 waren es rund 30.000 Kraftfahrzeuge, 1927 bereits 60.000 – wuchs parallel zur Verkehrsregelung auch der Bedarf an organisierter Hilfe bei Fahrzeugpannen und Unfällen. Beide Entwicklungen, Verkehrssteuerung und Pannenhilfe, sind Teil derselben Geschichte: der schrittweisen Professionalisierung der Verkehrssicherheit, die bis heute andauert.
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Quellen
Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt Berlin, Pressemitteilung „Als Berlin ein Licht aufging – 100 Jahre Ampeln in Berlin"; Wikipedia, Artikel „Verkehrsturm am Potsdamer Platz"; Deutschlandmuseum, Kalenderbeitrag zum 15. Dezember 1924; Stiftung Stadtmuseum Berlin, Sammlung Online; Der Spiegel, „100 Jahre Ampel"; ZDFheute, Bericht zur ersten Ampel Deutschlands.
Häufige Fragen
Wann wurde die erste Ampel Deutschlands in Betrieb genommen?
Am 15. Dezember 1924 am Potsdamer Platz in Berlin. Die Stahlkonstruktion selbst war bereits in der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1924 aufgestellt worden, stand aber rund acht Wochen funktionslos, bis die technische Abnahme erfolgte.
Warum stand der Turm acht Wochen ungenutzt, bevor er in Betrieb ging?
Die eingereichte statische Berechnung wurde von der Baupolizei zunächst nicht akzeptiert und musste nachgebessert werden. Erst nach einem Nachtrag vom 8. Dezember 1924 erfolgte am 15. Dezember die endgültige Abnahme und Inbetriebnahme.
Gibt es den Original-Verkehrsturm noch?
Nein, das Original wurde 1937 im Zuge des Baus des unterirdischen S-Bahnhofs Potsdamer Platz abgebaut und durch eine Hängeampel ersetzt. Seit 1997/2000 steht eine originalgetreue Nachbildung, gestiftet von Siemens und Daimler-Benz, nahe dem historischen Standort.
